Sonntag, 9. November 2008

Politische Monatsinfos aus Leon

Hallo zusammen,
hier kommt heute mal etwas anderes: eine kleine politische Lagebestimmung unserer FW aus Leon. Es sei darauf verwiesen, dass es sich um eine subjektive Einschätzung handelt und sicherlich keinen Anspruch auf Richtigkeit anmeldet.
Dennoch interessant zu lesen!
In diesem Sinne, viel Vergnügen


Hallo,
Hier alles Wichtige der momentanen politischen Lage live aus León, Nicaragua.
Aufgrund von Leóns Sandinistischer Vergangenheit befindet sich diese kulturelle Hauptstadt auch heute noch in den Händen der linksausgerichtet FSLN (Frente Sandinista). Diese setzen sich hier in der Stadt vor allem für Bildung, für Besserung der Infrastruktur - vor allem in ärmeren Stadtvierteln - und für eine Verbesserung des Gesundheitssystems ein.
Wir befinden uns gerade ganz kurz vor den nächsten Bürgermeisterwahlen (die finden am kommenden Sonntag, 9. November, statt) und die Werbekampagnen laufen gerade schon auf Hochtouren. Jeden Tag rauschen Camioneta-Umzüge durch die Straßen und die Menschen tun mit viel Geschrei, Musik und Fahnewedeln ihre politische Meinung kund. Werbeflyer werden an den Haustüren ausgeteilt und insgesamt kann man sagen, dass sich alle, aber besonders die FSLN, sehr viel Mühe und Zeit in den Wahlkampf investieren.
In León wurde traditionell die FSLN gewählt und unterstützt, jedoch ist ein Parteienwechsel in diesem Jahr nicht auszuschließen. Ursache dafür sind unbeliebte Kandidaten vor allem auf Seiten der FSLN, was dem Kandidaten der anderen Partei PLC eine recht gute Chance einräumt. Die PLC, die Liberalen, wie sie sich nennen, gründen eine Allianz mit den beiden Parteien ALN und MRS (die sich vor geraumer Zeit aus der FSLN abgespalten hat), die eine gute Verbindung zu den USA pflegt und deren Werbeslogan lautet „Todos contra Ortega" – „Alle gegen Ortega", den Sandinistischen Präsidenten Nicaraguas, der mit seiner Partei, der Frente, das Land regiert und sich dabei an kommunistischen Ideen orientiert.
Auf nationaler Ebene hat er verschiedene Programme eingeleitet, wie z.B. „Hambrezero" (die Bekämpfung von Hunger und Armut in Nicaragua), „Contra usura" (gegen Wucher/Zinsen), Salud (Gesundheit) und „Zero analfabetismo" (Bildung, Bekämpfung des Analphabetismus).
Inzwischen werden jedoch vermehrt Bedenken geäußert (vor allem habe ich darüber mit meiner Spanischlehrerin Ileana geredet), dass hinter diesen Projekten verstärkt Daniel Ortegas Wunsch nach Macht entsteht und seine Politik hauptsächlich durch den Ablehnungsgedanken gegenüber den USA geprägt wird. Gemeinsam mit Hugo Chavez, dem Präsidenten Venezuelas, mit dem Ortega eine tiefe Freundschaft und politische Verbindungen pflegt, baue er wohl ein „Feindbild USA" auf, auf das er sich immer weiter versteife.
So verkündete er z.B. bereits mehrmals in öffentlichen Reden, nicht auf ausländische (nordamerikanische und auch europäische) finanzielle Unterstützung angewiesen zu sein, da er mit mehreren lateinamerikanischen Ländern gute Verbindungen pflege und vor allem durch Venezuela ausreichend unterstützt würde. So gibt es z.B. auch ein Projekt, das von Chavez eingeleitet wurde, das den verstärkten Häuserbau in Nicaragua finanziert und öffentlich als „Solidaridad para paises hermanos" bekannt ist. Jedoch wird damit gerechnet, dass Nicaragua diese „kostenlose Hilfe" irgendwann Venezuela zurückzahlen muss.
Ileana erzählte mir außerdem kürzlich von einem Skandal in der Präsidentenfamilie Ortega, der sich scheinbar zusätzlich auf die aktuelle Politik Nicaraguas auswirkt. So behauptet die mittlerweile 30 jährige Stieftochter Ortegas, dass sie von ihrem Vater in ihrer Jugend sexuell misshandelt wurde. Aus diesem Grunde äußern sich nun Frauenrechtsgruppen lautstark gegen den Präsidenten und empfingen ihn bei seinen Staatsbesuchen in El Salvador mit Protestrufen.
Die Meinungen um den Präsidenten und die aktuelle Politik treiben im Moment sehr stark auseinander, wie es mir scheint, was die Gespräche über Politik wirklich sehr interessant macht. Unser Nachbar, der Besitzer der Pulperia gegenüber, mit dem wir inzwischen eine gutfreundschaftliche Beziehung aufgebaut haben, ist im Gegensatz zu Ileana aus vollstem Herzen leidenschaftlicher Sandinist und er erzählte uns vor ein paar Tagen im Pathos, dass der Krieg gegen die Diktatur und die Contras zwar vorbei ist, Nicaragua sich jedoch noch mitten im Krieg gegen die USA befinde.
Streiks gibt es momentan nicht, uns wurde aber vor unseren Vorgängern erzählt, dass es Laufe des letzten Jahres vermehrt zu Streiks, vor allem bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben, kam, da die Spritpreis enorm gestiegen waren.

Zur Geschichte des Landes:
Nicaragua war jahrelang wie so viele andere Länder Mittel- und Südamerikas aufgrund des Goldvorkommens eine Kolonie der Spanier, schaffte es jedoch am 15. September 1821 die Unabhängigkeit von Spanien zu erlangen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts weckte Nicaragua vor allem das Interesse der USA, aber auch Großbritanniens, welche an der Errichtung eines Kanals durch Nicaragua interessiert waren. Dieses Vorhaben wurde durch den Bau des Panamakanals jedoch nie vollendet, die Bauvorhaben werden aber immer noch verfolgt.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Nicaragua vom US- amerikanischen Söldnerführer William Walker besetzt und unterdrückt, der sich die Herrschaft über ganz Mittelamerika sichern wollte. Der von den USA als Präsident Nicaraguas anerkannte Walker, wurde jedoch zwei Jahre später von den Staaten Mittelamerikas vertrieben.
Nach 75 relativ ereignislosen Jahren begann Nicaraguas verheerendste Zeitepoche unter der Diktatur Anastasio Somoza Garcías, der von den USA als Präsident anerkannt wurde und die fast 50 Jahre andauerte. Somoza gelangte durch korruptes Verhalten zu ernormen persönlichen Reichtum. Seine Macht ging nach seiner Ermordung durch einen radikalen jungen Dichter an seine Söhne über. Die Korruption der Somozas zeigte sich vor allem bei der Zerstörung Managuas durch ein Erdbeben, bei dem die Somozas die ganzen Hilfsgelder anderer Nationen für sich einstrichen, anstatt sie der obdachlosen Bevölkerung zukommen zu lassen. Daraufhin formierten sich Gruppen von Somozagegnern, unter anderem die FSLN, die sich auf den Freiheitskämpfer Augusto Cesar Sandino bezog. Infolgedessen kam es zu Aufständen im ganzen Land, bei denen die Sandinisten Stadt um Stadt einnahmen, bis Somoza in die USA floh. Danach stellte die FSLN eine fünfköpfige Versammlung auf, die sofort begann, das am Boden liegende Land wieder aufzubauen. Kurze Zeit später kam es jedoch zu einem erneuten Bürgerkrieg, der Contra-Revolution, die von den Sandinistengegnern gestartet wurde und einen blutigen Verlauf nahm.
Nach einigen anderen Präsidenten, zu denen unter anderem auch Alemán gehörte, der ebenfalls mit viel Korruption das Land nachhaltig schädigte, wurde Daniel Ortega zum Präsidenten gewählt und regiert auch heute noch.

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